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  • Dr. Gerd Scholl

Was ist eine Organisation?

Aktualisiert: 21. Okt 2019

Auf meiner Webseite schreibe ich unter „Mein Ansatz“, dass ich „Organisationen systemisch betrachte“. Aber was bedeutet das eigentlich genau? In einem ersten Schritt möchte ich erläutern, was systemische Berater unter einer Organisation verstehen. In einem weiteren Blogbeitrag werde ich darstellen, was eine systemische Organisationsberatung ausmacht.


Eine Organisation besteht aus Kommunikation


Aus Sicht der systemischen Beratung sind Organisationen soziale Systeme, die – in Anlehnung an die Kommunikationstheorie von Niklas Luhmann – im Wesentlichen aus Kommunikation bestehen. So stellt die Interaktion zwischen einer Führungskraft und ihrem Team ebenso Kommunikation dar wie die Interaktion der Teammitglieder untereinander. Und auch die Interaktion zwischen der Organisation und seiner Umwelt ist Kommunikation – wie etwa beim Stakeholder-Management oder bei einer Social Media-Kampagne. Wenn alles Kommunikation ist, dann gilt auch: „Was nicht in die Kommunikation kommt, gibt es in der Organisation nicht” (Simon 2015, S. 41).

In ihrer Kommunikation miteinander bilden die Mitglieder einer Organisation bestimmte Muster aus, das heißt spezifische Kommunikationsweisen, die sich einander verstärken und die ein gewisses Beharrungsvermögen haben. Die Projektleiterin, die alles im Alleingang entscheidet für ein Team, das die Entscheidungsverantwortung gerne delegiert. Oder der Geschäftsführer, der seinen Führungskräften große Gestaltungsspielräume lässt, die diese mit einem Blick für das Ganze eigenverantwortlich ausfüllen. Jedes Muster hat einen Nutzen. Es kann zum Beispiel Orientierung schaffen oder effizientes Handeln fördern. Jedes Muster hat aber auch einen Preis. Dieser kann zum Beispiel darin bestehen, dass nötige Veränderungen in dem sozialen System, welches das Muster etabliert hat, nur schwer oder gar nicht in Gang kommen.


Organisationen sind nichttriviale Systeme


Mit einem sehr anschaulichen Vergleich macht Fritz B. Simon, einer der profiliertesten systemischen Berater Deutschlands, den Unterschied zwischen einem trivialem und einem nichttrivialen System, also einer Organisation, deutlich (Simon 2017, S. 51f.): Ein Stein stellt ein triviales System dar. Tritt man ihn, kann man seine Reaktion gut vorhersagen. Er fliegt – nach den Gesetzen der Physik – weg. Demgegenüber stellt ein Hund ein nichttriviales System dar. Tritt man ihn, kann man seine Reaktion nicht vorhersagen. Ob er jault oder wegläuft oder beißt, ist abhängig von seinen inneren Zuständen. Der Tritt beeinflusst zwar das Verhalten des Hundes, er bestimmt sein Verhalten aber nicht.

So ist es auch bei Organisationen. Erhalten sie einen Impuls von außen – etwa durch neue gesetzliche Rahmenbedingungen, einen neuen Typus von Mitarbeiter (Stichwort „Millenials“) oder in Form einer Intervention durch einen systemischen Berater – hat dies zwar einen Einfluss auf das, was die Organisation tut. In welche Richtung die Organisation ihr Verhalten anpasst, ist jedoch nicht vorherbestimmt. Es hängt von ihrem Innenleben, sprich von ihren Strukturen und Prozessen ab.


Entscheidungsprämissen schaffen Organisationsstrukturen


Strukturen und Prozesse sind ein weiteres Wesensmerkmal von Organisationen. Sie sind das Resultat von Entscheidungen, die eine Organisation trifft, genauer gesagt, von Entscheidungsprämissen, die in der Organisation vorliegen.

Jede Organisation ist mit Handlungsalternativen konfrontiert. Soll ein Unternehmen reife Märkte verlassen und aufkommende Märkte erschließen, soll es neue Mitarbeiter einstellen oder die bestehenden weiterqualifizieren, sollen Kundenanfragen innerhalb eines Tages oder innerhalb von vier Stunden bearbeitet werden? Fast täglich sind Organisationen mit dieser Art von Fragen konfrontiert. Das schafft Unsicherheit, und um die Unsicherheit zu verringern, braucht es Entscheidungen. Bewusste Entscheidungen, mit denen festgelegt wird, wie künftig Entscheidungsprozesse in einer Organisation auszusehen haben, werden im systemischen Verständnis von Organisationen „entschiedene Entscheidungsprämissen“ genannt. Sie bilden die formale Seite einer Organisation ab. Der Organisationssoziologe Stefan Kühl nennt diese daher auch die „berechenbare“ oder „Maschinen“-Seite einer Organisation. Darunter fallen zum Beispiel die Strategie eines Unternehmens, seine offiziellen Kommunikationswege (Reporting Lines), die Mitzeichnungsrechte, die vereinbarten Prozessabläufe in Produktion oder Verwaltung, aber auch die Entscheidungen bezüglich der Rekrutierung und Entwicklung von Personal.

Daneben gibt es die „nicht-entschiedenen Entscheidungsprämissen“. Auch sie bestimmen mit, wie und was entschieden wird, allerdings eher indirekt und gewissermaßen ‚versteckt‘. Das können geteilte Wertvorstellungen sein, gemeinsame Glaubenssätze, bestimmte Rituale, gemeinhin das, was man als die informalen Strukturen einer Organisation oder die Organisationskultur bezeichnet. Kühl nennt diese unberechenbare Seite die „Spiel“-Seite einer Organisation.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich für systemische Berater ein abstraktes Modell einer Organisation, wie es in der Abbildung zu diesem Blogbeitrag skizziert ist. Sie besteht aus den formalen Komponenten „Strategie (Zweck, Ziele)“, „Organisation (Strukturen, Prozesse)“ und „Personen (Talente, Karriere)“ und aus der informalen Komponente „Kultur (Identität)“. Das Umfeld ist von Markt- und gesellschaftlichen Dynamiken geprägt und gegebenenfalls auch von den Erwartungen der Eigentümer der Organisation.


Der systemische Blick


Wenn Sie die Maschinenseite Ihrer Organisation betrachten, was sehen Sie? Unterstützen die Strukturen und Prozesse in Ihrer Organisation beispielsweise die strategische Ausrichtung? Und wenn Sie auf die Spielseite schauen, was fällt Ihnen da auf? Was macht die Identität Ihrer Organisation aus? Welche Werte teilen die Mitglieder Ihrer Organisation? Was sind typische Kommunikationsmuster? Passt Ihre Kultur zur strategischen Ausrichtung Ihrer Organisation?


Sich diese Fragen zu stellen, kann bereits einen Unterschied machen. Mehr noch, wenn Sie die Fragen gemeinsam, beispielsweise im Führungskreis, bearbeiten. Ich unterstütze Sie gerne dabei.


Literatur


Kühl, Stefan (2011): Organisationen: eine sehr kurze Einführung. 1. Aufl. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwissenschaften.

Simon, Fritz B. (2015): Einführung in die systemische Organisationstheorie. 5. Auflage. Carl-Auer compact. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.

Simon, Fritz B. (2017): Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus. 8. Auflage. Carl-Auer compact. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.